Von den Tücken des Kohlrabis

Als Französin hat Laure Meierrose in Hollage ein Zuhause gefunden

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In Wallenhorst leben (Stand Januar 2010) 668 Ausländer aus 76 Staaten, die Ausländerquote beträgt 2,78 Prozent. Hinzu kommen viele Menschen, die zugewandert sind und die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen. Ihr Zusammenleben mit den Einheimischen thematisiert der zehnte „Tag des Anstoßes“ 2010 unter dem Motto „Wir sind Wallenhorst – einheimisch und zugewandert“.

Die Berichterstattung zum Jahresthema soll einen Eindruck vom Miteinander von Alteingesessenen und Neubürgern vermitteln. Als Höhepunkt wird bei der Abendveranstaltung im November eine Person, die sich ehrenamtlich besonders für Integration und Miteinander einsetzt, mit dem „Stein des Anstoßes“ 2010 geehrt werden.

In diesem Artikel erzählt Laure Meierrose aus Hollage-Ost ihre ganz persönliche Integrationsgeschichte. Wer einen Themenvorschlag für die weitere Berichterstattung hat, kann sich unter Tel. (05407) 888-103 oder unter der Mailadresse anke.rehling@remove-this.wallenhorst.de an Anke Rehling von der Gemeinde Wallenhorst wenden. Ansprechpartner für alle, die einen Preisträger vorschlagen wollen, ist Rüdiger Mittmann unter Tel. (05407) 888-510 oder unter ruediger.mittmann@remove-this.wallenhorst.de .


Bei allen Diskussionen über Integration geraten oft jene Integrationsprozesse aus dem Blick, die sich außerhalb des öffentlichen Interesses reibungslos und erfolgreich vollziehen. So wie der von Laure Meierrose aus Hollage. Die gebürtige Französin kam durch ihre Heirat nach Deutschland – doch ihre ganz persönliche Integrationsgeschichte wurzelt schon lange vorher in ihrer Kindheit.

„Unser Elternhaus war sehr offen“, erinnert sich Laure Meierrose. Es seien immer viele Gäste da gewesen, außerdem habe ihr Vater beruflich immer mal wieder im Ausland zu tun gehabt. So lag es für die Tochter nahe, als Jugendliche ebenfalls ins Ausland zu gehen. Schon damals war Deutschland ihr Ziel; ein Jugendaustausch führte sie aus Saint Cloud – einer westlichen Vorstadt von Paris – nach Bad Godesberg. Einige Jahre danach lernte sie dann über eine Brieffreundschaft ihren späteren Mann kennen.

Damals habe es in Frankreich durchaus noch hartnäckige Vorbehalte gegen Deutsche gegeben, weiß Laure Meierrose. Noch in den 80-er Jahren lernte sie Französinnen kennen, die nach der Heirat mit einem Deutschen nicht mehr zu ihren Herkunftsfamilien nach Hause kommen durften. Dieses Schicksal blieb ihr glücklicherweise erspart: „Ich habe nur einzelne Bemerkungen zu hören bekommen, etwa die Frage, ob es denn keine gutaussehenden Franzosen mehr gebe.“

Sie selbst sei ohne Vorbehalte nach Deutschland gekommen: „Ich glaube, die deutsche und die französische Mentalität liegen einander viel näher als beide zum Beispiel der englischen.“ Der ähnlichen Mentalität zum Trotz sei jedoch der bürokratische Aufwand vor der Heirat enorm gewesen.

Das junge Ehepaar ließ sich zunächst in Osnabrück nieder und zog später an den Hermann-Löns-Weg nach Hollage. Drei Kinder wurde geboren. Als Ehefrau und Mutter stellte sich Laure Meierrose der Herausforderung der Integration.

Erster und zentraler Schritt war die neue Sprache. Das schon in der Schule erlernte Deutsch erwies sich als wenig alltagstauglich: „Ich beherrschte zwar die deutsche Literatur, war aber unfähig, Briefmarken zu kaufen.“ In einem kleinen Laden in Osnabrück begann Laure Meierrose daraufhin ihren ganz persönlichen Deutschunterricht. Bereitwillig benannte der Verkäufer ihr Lebensmittel und Alltagsgegenstände, deren Namen sie dann zu Hause paukte.

Parallel vernachlässigte sie aber auch ihre Muttersprache nicht, sondern pflegte sie in Gesprächskreisen. „Das muss man schon machen“, findet die 61-Jährige, deren französischer Akzent heute nur noch ganz leicht zu hören ist. Allerdings verpasse man im Ausland „die aktuelle Sprachentwicklung mit technischen Begriffen und Modewörtern.“

Umstellen musste sie sich neben der Sprache vor allem im kulinarischen Bereich. „Chicoree zum Beispiel war für mich damals etwas Alltägliches, hier hingegen kaum bekannt“, nennt sie ein Beispiel. Umgekehrt hatte sie in Frankreich noch nie Kohlrabi auf dem Teller oder gar im Kochtopf gehabt. „Als meine Schwester mich einmal besuchte und wir auf dem Markt Kohlrabi sahen, meinte sie, dieses Gemüse sehe eher wie ein Marsmännchen aus“, erinnert sie sich schmunzelnd.

Auch den in Norddeutschland so traditionsreichen Grünkohl hat Laure Meierrose, die privat sowohl deutsch als auch französisch kocht, erst gekostet, „als unser Pastor Hans-Georg Meyer-ten Thoren Grünkohlkönig war.“ Seitdem schmecke ihr dieses Wintergemüse hervorragend, „aber ihn selbst zuzubereiten, habe ich mich noch nicht getraut.“

Weniger warm als mit dem Grünkohl ist sie mit einigen anderen Brauchtümern ihrer neuen Heimat geworden. Nie hat sie Karneval gefeiert, nie ein Schützenfest besucht. Trotzdem habe sie sich in Hollage immer wohlgefühlt und nie Heimweh gehabt: „Die Menschen waren herzlich zu mir und haben mir immer alles Nötige erklärt. Außerdem habe ich schon in meinem Elternhaus gelernt, anpassungsfähig und aktiv Kontakt zu suchen.“

Diese Eigenschaften kamen ihr auch beim Tode ihres Mannes vor 18 Jahren zugute. Laure Meierrose begann wieder zu arbeiten, ist heute für die Diakonie angestellt bei der Caritas-Sozialstation in Hollage. Parallel betätigte sie sich ehrenamtlich. Unter anderem arbeitet sie für die evangelisch-lutherische Andreasgemeinde in der ökumenischen Hospizgruppe mit und gehört zu den Begründern des Trauercafés. „Man muss sich je nach Interesse ein soziales Umfeld aufbauen“, sagt sie. Sie persönlich habe das als sehr lohnenswert erfahren: „Ich gebe, und ich bekomme.“

Oft hat Laure Meierrose – die auch in der Jury „Tag des Anstoßes“ aktiv ist und sich insofern in diesem Jahr ganz speziell mit dem Thema Integration beschäftigt – sich selbst gefragt, wo ihre Heimat ist. „Ich habe doppelte Heimat“, lautet ihre Antwort. Alt werden wolle sie in Hollage. Zwar fühle sie sich auch in Frankreich bei Vater und Schwester zu Hause, „aber dort habe ich außer der Familie kein Umfeld mehr.“

Freilich verhindert das Heimatgefühl für Deutschland nicht, dass sie ab und zu eher französisch denkt. So ist zum Beispiel die in Frankreich geltende strikte Trennung von Staat und Kirche für die gläubige Christin selbstverständlich. Auch ärgert sie die Diskussion um Kinderbetreuung in Deutschland: „Die Kinderbetreuung ist hier oft unflexibel und teuer für die Eltern. In Frankreich ist es selbstverständlich, dass kleine Kinder tagsüber außer Haus gut betreut werden. Das schadet ihnen nicht, sondern fördert sie, und es hilft den Eltern.“

Zwischen beiden Nationalitäten schwankend fühlt sie sich ansonsten nur noch bei Fußballspielen. „Bei der Weltmeisterschaft diesen Sommer war es aber nicht so schwierig“, sagt sie augenzwinkernd mit Blick auf das ruhmlose Ausscheiden der französischen Nationalelf in der Vorrunde.

Fußball hin oder her: Laure Meierrose, die immer noch französische Staatsangehörige ist, lebt ganz bewusst mit ihrem doppelten Heimatgefühl – und Briefmarken kaufen kann sie sowieso längst hier wie dort.