Mehr als heiße Maronen

Baum des Jahres 2018 am Heimathaus gepflanzt

Mitteilung von

Ihre Früchte – frisch geröstete und wohl duftende Maronen – hatte Wallenhorsts Umweltbeauftragter Udo Stangier zur Pflanzung gleich mitgebracht. Die Esskastanie (Castanea sativa) ist Baum des Jahres 2018 und steht als solcher seit Freitag (30. November) im Garten des Heimathauses Hollager Hof. Gepflanzt von Bürgermeister Otto Steinkamp, dem Vorsitzenden des Ausschusses für Umwelt, Energie, Klimaschutz und digitale Entwicklung Hubert Pohlmann, Guido Pott als Kuratoriumsmitglied der Naturschutzstiftung des Landkreises Osnabrück sowie Stefan Gutendorf und Josef Pott als Hausherren.

Die Esskastanie ist in Deutschland – von wenigen regionalen Ausnahmen abgesehen – eine seltene Baumart. Aus ihren Früchten lassen sich Suppen, Bratenfüllungen, Süßspeisen, Torten, Brot oder schlicht „Heiße Maroni“, wie man sie derzeit auf zahlreichen Weihnachtsmärkten genießen kann, zubereiten. Doch sie kann noch mehr, wie Stangier erklärte. Im Zuge der Klimaerwärmung fühle sich der ursprünglich aus dem fernen Anatolien und Armenien stammende und über die Griechen und Römer in den Mittelmeerraum gebrachte Baum auch in unseren Breiten zunehmend wohl. Am Oberrhein etwa sei er bereits recht verbreitet. Sein Holz übertreffe in puncto Widerstandsfähigkeit sogar das der Eiche und werde gern für die Stützpfähle in Weinbergen genutzt, so der Umweltbeauftragte. Es habe aber auch einen hohen Heizwert und sei somit für die Produktion von Pellets gut geeignet.

Den „Baum des Jahres“ – seit 1989 durch die „Dr. Silvius Wodarz Stiftung“ bestimmt – schenkt die Naturschutzstiftung des Landkreises Osnabrück jährlich den kreisangehörigen Gemeinden. Wallenhorst erhielt in diesem Jahr vier Esskastanien. Die übrigen Exemplare wurden im Bürgerpark, an der Hofstelle Duling und an der Parkallee gepflanzt.

 

ZUR SACHE

Die Esskastanie – Ein Baum mit Migrationshintergrund und Zukunft

von Udo Stangier (mit Material der Dr. Silvius Wodarz-Stiftung)

Vier junge Bäume wurden der Gemeinde von der Naturschutzstiftung des Landkreises geschenkt. Diese wurden am Heimathaus Hollager Hof, im Bürgerpark, an der Parkallee und an der Hofstelle Duling gepflanzt. Sonst sind im öffentlichen Raum, in Parks oder Wäldern in Wallenhorst keine Exemplare der Esskastanie bekannt. Die nächsten Esskastanien stehen an der Zufahrt zu Gut Honeburg an der Südseite des Piesbergs.

Die Esskastanie – auch Edelkastanie – kann bis zu 25 Meter groß werden. Sie entwickelt eine breite Krone und auffallend starke untere Äste. Die Blätter sind tief grün, ledrig derb und grob gezähnt. Die Blüten erscheinen erst spät, Mitte bis Ende Juni, in aufrecht stehenden, gelblich-weißen Kätzchen. Die braunglänzenden Früchte sind von einer sehr stacheligen Hülle umschlossen, die sich erst im Oktober öffnet und die Früchte herausfallen lässt.

Herkunft und Geschichte

Der Ursprung der Esskastanie liegt im Nordosten Anatoliens und in Armenien. Durch die Griechen und deren Kolonien gelangte sie in den Mittelmeerraum und von dort durch die Römer mit dem Weinanbau ins besetzte Germanien. So lässt sich die heutige Verbreitung im Südwesten Deutschlands südlich des Limes erklären. Eventuell ist sie aber schon fast 400 Jahre früher von der griechischen Kolonie des heutigen Marseille über das Rhonetal und die Burgundische Pforte ins Rheintal gekommen. Erst die Römer haben die Esskastanie kultiviert und dies nicht nur wegen ihrer Früchte, sondern auch wegen des erstaunlich resistenten und harten Holzes. Dieses wurde als Material für Rebstöcke, Rankhilfen, Pfähle und Fässer genutzt. Dies ist der Grund dafür, dass Esskastanien und Weinanbau räumlich im Südwesten zusammen vorkommen.

Nutzung

Um Esskastanien ernten zu können, wurden diese in regelrechten Hainen – sogenannten Selven – angebaut. Diese Bäume haben kurze Stämme und sehr breite Kronen, zum Teil mit aufgepfropften wohlschmecken Sorten mit großen Früchten. Die Früchte solcher gezüchteten Sorten heißen Maronen.

Heute gelten Maronen als kulinarisches Extra zum Beispiel als Beilage oder Dessert. Schon bei den Römern waren Maronen für die wohlhabende Oberschicht eine begehrte Süßspeise. In den Bergregionen Südeuropas, wo Getreideanbau zum Teil unmöglich oder nur unergiebig war, war die Esskastanie für lange Zeit ein Hauptnahrungsmittel. Die Früchte enthalten viel Stärke und Zucker, aber wenig Fett. Zu Mehl gemahlen konnte daraus eine Art Polenta hergestellt, Suppen gekocht oder auch Brot gebacken werden. Das Mehl ist glutenfrei. Bei Missernten waren Esskastanien oft das einzig verfügbare Lebensmittel. Gedörrt oder als Mehl waren sie bis zu zwei Jahre haltbar.

Die Anbauflächen im Mittelmeerraum werden nur noch wenig bewirtschaftet und fast nur noch zur Mast von Schweinen genutzt. Mais und Kartoffeln haben die Esskastanie als Stärkelieferant verdrängt, die zunehmende Landflucht tat ein Übriges dazu, dass die Bewirtschaftung noch bestehender Kastanienwälder aufgegeben wurde. Diese sind inzwischen zu wunderschönen, aber nur noch touristisch genutzten Kastanienwäldern verwildert.

Zukunft

Der stärker werdende Klimawandel könnte für die Esskastanie eine neue Zukunft auch in Mitteleuropa bedeuten. Seit fast 2000 gibt es sie im Südwesten Deutschlands, und auch Bäume, die weiter im Norden (Dänemark, Südengland) stehen, scheinen gut zu gedeihen. Daher gilt die Esskastanie unter Forstleuten als eine Baumart, die den Klimawandel in Mitteleuropa gut vertragen kann. Dies gilt nicht nur für ihren Einsatz als Bau- und Möbelholz, sondern auch für die Energieproduktion. In sogenannten Kurzumtriebs-Plantagen für Brennholz in Form von Heiz-Pellets könnte sie zu einer begehrten Art werden, da sie sowohl einen hohen Brennwert, als auch einen guten Stockausschlag hat.